Lehmann im Interview: „Wir brauchen eine grundlegende Politikänderung“
Von CDU Leipzig

Drei Landtagswahlen in zwei Wochen, in Mecklenburg-Vorpommern ist die CDU erstmals nicht mehr im Landtag vertreten. Im Gespräch mit Justus Riedel spricht Jens Lehmann über Fehler der Union, junge Wähler und die Lehren für Sachsen und Leipzig.
Jens, drei Landtagswahlen in zwei Wochen: Wie war die Stimmung in der Fraktion, und was hat euch am meisten beschäftigt?
Die Stimmung ist angespannt. Die Ernüchterung ist relativ groß, auch wenn es keine Überraschungen waren. In Sachsen-Anhalt war seit zwei Jahren absehbar, dass die AfD über 40 Prozent kommt. Es gab sehr heftige Fraktionssitzungen. Einerseits gibt es eine gewisse Ratlosigkeit, andererseits das Bewusstsein, dass man nicht ausschließlich über den Kanzler diskutieren muss: Wir brauchen eine grundlegende Politikänderung, eine ganz klare Strategie und ein Bild, wo wir hinwollen. Das ist ganz wichtig. Die Reformen würde ich nicht als Hauptschuldigen ausmachen, denn sie greifen ja noch gar nicht.
Mit 4,9 Prozent ist die CDU in Mecklenburg-Vorpommern nicht mehr im Landtag vertreten. Was bedeutet das für die Union und den Landesverband?
Das gab es noch nie. Es war wohl auch eine gewisse Selbstzufriedenheit dabei: Wir sind die CDU, wir können doch nicht aus dem Landtag fliegen. Die Erklärung, Berlin sei schuld, ist mir aber zu leicht. Auch Manuela Schwesig gehört einer Partei an, die in Berlin mitregiert. Hätte es allein daran gelegen, hätte sie keine 35 Prozent geholt. Unser Ergebnis liegt auch an unseren Leuten vor Ort. Jetzt wird die Fraktion abgewickelt, Büros, Mitarbeiter und Infrastruktur fallen weg. Man braucht ein klares Ziel, in fünf Jahren wieder in den Landtag, und eine Vision für das Land. Nur auf Berlin zu schimpfen und zu hoffen, dass einem die Leute wieder zulaufen, wird nicht weiterhelfen.
In Sachsen-Anhalt ist die CDU von 37 auf 17 Prozent gefallen, in Berlin von 28 auf 19. Welche Fehler hat die CDU gemacht?
Das sind zwei verschiedene Wahlen. Sachsen-Anhalt ist ein strukturschwaches Land, ich stamme selbst aus dem Landkreis Mansfeld-Südharz. Dass dort viele Firmen zugemacht haben, kann man nicht allein der Union anlasten, aber sie war an der Regierung und hat das zu spüren bekommen. Dazu kam in beiden Ländern ein kurzfristiger Kandidatenwechsel. Mit einem Landesvater, der sagt „Mich oder keinen“, ist mehr herauszuholen als mit einem, der relativ neu als Ministerpräsident ist. Und fairerweise: Der AfD-Kandidat in Sachsen-Anhalt hat die Leute mitgerissen. Wer etwas umsetzen will, muss sich auch verkaufen können. Das hätte zumindest in Sachsen-Anhalt besser laufen können. Berlin tut mir doppelt weh, auch wegen der Olympiabewerbung. Dass die Linke in Berlin mit der Verstaatlichung von Wohnungen gewählt wird, ist für mich unvorstellbar. Ich komme aus der DDR und weiß, was das bedeutet.
In Berlin hat die Linke ein Viertel der Stimmen geholt, bei den unter 25-Jährigen sogar 43 Prozent. Hat die CDU ein Charisma-Problem?
Zunächst: Ich bin schon immer ein Gegner des Wahlrechts ab 16. Als Jugendlicher ist man natürlich auch Protestwähler, meine Kinder hätten mit 16 auch nicht CDU gewählt. Dann liegt es an Personen. Die jungen Leute sitzen nicht vor 20 Parteiprogrammen. Wir haben gute junge Leute, aber das Bild nach außen ist: Die Linke hat Heidi Reichinnek, deren Rede vor der Bundestagswahl super viral gegangen ist. Unser junges Gesicht ist Philipp Amthor. Wen wählst du als 18-Jähriger? Und wir sind wahrscheinlich viel zu verkopft. Wir diskutieren bis zum letzten Komma auf Seite 80, die anderen erzählen, was gut klingt, und machen Posts davon. Emotionen muss man erzeugen. Inhaltlich werden viele erschrecken, was die Linke mit Berlin vorhat, auch die jungen Leute, die sie gewählt haben.
Wie kann die CDU die junge Generation wieder erreichen, auch mit der JU?
Es muss von oben gewollt sein. Die Junge Union darf nicht nur zum Klatschen benutzt werden, die Strukturen müssen viel mehr gestärkt werden. Wichtig sind Formate, bei denen man nicht nur das Parteiprogramm diskutiert. Leipzig ist für mich da ein gutes Beispiel, bis hin zum Fußballturnier. Man muss junge Leute holen, die neugierig sind, was wir machen, dann kommt man automatisch ins Gespräch. Den Zugang zur Politik finden junge Leute über Erfahrungen und Vorbilder, nicht über das Parteiprogramm. Dass die Junge Gruppe im Bundestag etwas bewegt hat, etwa bei der Rente, macht mir Mut.
Nachdem Clan-Chef Issa Remmo auf der Wahlparty der Linken aufgetaucht war, waren sich im Bundestag alle anderen Fraktionen in der Kritik einig. Ziehen SPD und Grüne Konsequenzen für die Regierungsbildung in Berlin?
Ich hoffe es und gehe davon aus, aber es wird für sie ein schwieriger Gang. Das Entsetzen ist riesengroß, und das zu Recht. Für SPD und Grüne ist das jetzt eine Zerreißprobe. Inhaltlich sehen sie das genauso wie wir, politisch wollen sie der CDU nicht wieder über die Türschwelle helfen. Aber für sie ist das ein fundamentales Thema: „Sind wir Antisemiten oder nicht? Machen wir uns mit Kriminellen gemein?“ Die Brandmauer gegenüber der Linken muss in Berlin mindestens doppelt so hoch sein wie die gegenüber der AfD, weil sie wirklich im Programm hat, Berlin kaputtzumachen. Bei einer Regierung mit der Linken blutet mir für Berlin das Herz, denn die Stadt entwickelt sich super.
Sachsenweit sind die Umfragen schwierig. Was kann die sächsische Union aus diesem September lernen, und was macht dich für Leipzig zuversichtlich?
Eine ganz einfache Weisheit: kluge und gute Politik machen und dann auch darüber reden. Wir haben gerade über fünf Millionen Euro vom Bund für eine Schwimmhalle in Leipzig bekommen. Das muss man auch verkaufen. Seit ich im Bundestag bin, kämpfe ich dafür, dass Sachsen ein Standort der Verteidigungswirtschaft wird. Da stehen dann fünf Leute auf dem Marktplatz und nennen mich Rüstungstreiber. Na und? Dafür haben zig Leute einen neuen Arbeitsplatz. In Leipzig gehen wir mit Optimismus in die Oberbürgermeisterwahl. Sie ist sehr offen, und wir haben den Anspruch, mit Michael Weickert den Oberbürgermeister zu stellen.
Als Leistungssportler kennst du Niederlagen. Was sagst du einem Mitglied, das nach diesem September am liebsten hinschmeißen würde?
Mund abputzen, Luft holen, mal ein paar Tage und weitermachen. Niederlagen sind immer bitter, ich habe selbst gerade eine schwere hinnehmen müssen, als Berlin mit seiner Olympiabewerbung ausgeschieden ist. Aber aus Niederlagen lernt man. Hinschmeißen ist immer das Schlechteste, was man machen kann, denn es ist die billigste Lösung. Im Sport haben wir immer alles analysiert. Ich hoffe, das machen wir hier auch: Woran hat es gelegen, was können wir besser machen? Und dann weiterkämpfen, mit dem Ziel vor Augen, es beim nächsten Mal deutlich besser zu machen.
Das Gespräch führte Justus Riedel für das CDU Leipzig Magazin, Ausgabe Oktober 2026.
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